Helfen Sie helfen!

Unterstützen Sie unsere
Arbeit mit Ihrer Spende!
Hier erfahren Sie mehr

 

(0231) 20 64 580
Gutenbergstraße 24
44139 Dortmund

 

ElternSein

Über unser Projekt ElternSein -

ein Beratungs- und Unterstützungsangebot in der Psychiatrie für psychisch kranke Eltern

Im Rahmen eines vorerst auf zwei Jahre befristeten Projektes entwickelte das Kinderschutz-zentrum Dortmund als Projektträger in Kooperation mit der Fachhochschule Dortmund und den MitarbeiterInnen der beteiligten Kliniken 2012 ein passgenaues Angebot für die Zielgruppe psychisch kranker Eltern

Ausgangslage:

Kinder und Jugendliche, die in Familien mit psychisch erkrankten oder suchtkranken Eltern aufwachsen, sind in vielfältiger Weise durch die elterliche Erkrankung betroffen. Das Aufwachsen mit einem psychisch erkrankten oder suchtkranken Elternteil stellt für die Kinder ein einschneidendes Lebensereignis dar, das mit einer enormen Zunahme an alltäglichen Anforderungen, Konflikten und Spannungen sowohl innerhalb der Familie als auch im sozialen Umfeld verbunden ist.

Die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung eines Elternteils hängen wesentlich vom Alter und den jeweiligen Entwicklungsphasen des Kindes ab.

Während sich im Säuglings- und Kleinkindalter die fehlende Empathie und emotionale Verfügbarkeit negativ auf die Bindungsfähigkeit auswirken und schon frühzeitig zu Entwicklungsstörungen führen können, überwiegen im Kindergarten- und Grundschulalter Schwierigkeiten durch mangelnde sprachliche Kommunikation, unangepasstes Erziehungsverhalten und soziale Isolation.

Im Jugendalter treten Probleme in der Identifikation mit dem gestörten elterlichen Erwachsenenvorbild sowie Verwicklungen durch den Einbezug der Jugendlichen in elterliche Konflikte in den Vordergrund.

Folgeprobleme wie Betreuungsdefizite, Trennungserfahrungen, Parentifizierung, Loyalitätskonflikte und Abwertungserlebnisse schließen sich an.

Innerfamiliäre Kommunikationsschwierigkeiten und vor allem die Tabuisierung und Stigmatisierung der psychischen Erkrankung ihrer Eltern machen es den Kindern besonders schwer, Hilfe und Unterstützung einzufordern.

 

Dies macht sie zu einer Gruppe, die in besonderem Maße gefährdet ist, eine eigene Suchterkrankung oder psychische Erkrankung und Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln.[1]

Bei schizophrenen Erkrankungen ist das Erkrankungsrisiko z.B. um 10% erhöht, ca. 61% der Kinder mit einem Elternteil, das an einer schweren Depression (major Depression) erkrankt ist, entwickeln im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend eine psychische Störung; das Risiko von Kindesmisshandlung ist deutlich erhöht, wenn ein Elternteil psychisch erkrankt ist.[2]

 

Um diese Risiken zu mindern, ist es notwendig, dass die unterschiedlichen Hilfesysteme den Kindern und Jugendlichen und ihren Familien eine besondere Beachtung schenken.

Obwohl die Problematik psychisch erkrankter und suchtkranker Eltern und ihrer Kinder in den vergangenen Jahren von den beteiligten Professionen intensiver diskutiert wurde und ein wachsendes Problembewusstsein festgestellt werden kann, besteht dennoch Aufklärungs- und Diskussionsbedarf. Zudem gibt es noch erheblichen Handlungsbedarf, um flächendeckende und dauerhafte Angebote und Hilfen für die Versorgung der betroffenen Kinder und ihrer Familien gewährleisten zu können.

In Dortmund besteht seit einigen Jahren das Netzwerk KAP-DO, das sich mit diesem Thema befasst und an dem alle Projektbeteiligten des Projektes ElternSein beteiligt sind. Professionelle vieler Dortmunder Institutionen bemühen sich darum, Angebote in der Stadt zu entwickeln und zu vernetzen[3]. Dabei wird immer wieder deutlich, wie schwierig gerade die Kooperation von Jugendhilfe und Gesundheitshilfe – hier die mit der Erwachsenenpsychiatrie - sein kann. Psychiatrische Einrichtungen, Praxen und Kliniken fühlen sich meist nicht zuständig für die Kinder der PatientInnen und haben wenig Information über Unterstützungssysteme für Kinder als Angehörige.

Dabei sind die psychisch kranken Eltern meist selbst in großer Sorge um ihre Kinder, nehmen aber nicht von sich aus die Jugendhilfe in Anspruch, da sie staatliche Eingriffe in ihre Familie fürchten. So wird die Gesellschaft meist erst auf diese Kinder aufmerksam, wenn sie schon in größeren Schwierigkeiten stecken. Die Interventionen der Jugendhilfe erscheinen dann den Betroffenen eher als Hilfen im Zwangskontext – Hilfen, die meist nur widerwillig angenommen werden und deshalb weniger effektiv sind.

 

Hier wollten wir mit unserem Projekt ansetzen: In Absprache mit den KAP-DO – Kooperationspartnern sollte ein passgenaues, präventives Angebot entwickelt werden, dass an der Schnittstelle Psychiatrie und Jugendhilfe ansetzt.

Das Beratungsangebot sollte sich an psychisch kranke Eltern, die stationär in den Dortmunder psychiatrischen Kliniken untergebracht sind, wenden und  zu Erziehungs- und Entwicklungsthemen und Fragen der Elternschaft Hilfen anbieten können. Neben der Beratung der Eltern soll die Vermittlung weiter gehender Hilfen im Vordergrund stehen. Der niedrigschwellige Zugang „vor Ort“ – in den Kliniken – sollte den Eltern die Annahme der Hilfen erleichtern.

Die Erfahrungen aus unserem Projekt sollten von der Fachhochschule Dortmund, Frau Professor Dr. Denner,  evaluiert werden.

 

Projektaufbau- und Durchführung:

Es gab zwei Projektphasen: In der ersten Phase des Projektes sollte durch Literaturrecherche, Recherche in bereits bestehenden ähnlichen Beratungsangeboten z.B. der Kinderschutz Zentren in anderen Städten und der Recherche im Dortmunder medizinischen und psychosozialen Hilfenetzwerk ein Beratungs- und / oder Unterstützungsangebot entwickelt werden. Dabei sollte der Aufbau von verlässlichen Kooperationsbeziehungen zu diesem Thema in Kliniken, mit Medizinern und in der Jugendhilfe besondere Beachtung finden.

In der zweiten Phase sollte dieses Angebot durchgeführt und weiterentwickelt werden.

Gefördert durch die Stiftung „Help & Hope“ konnte im Kinderschutz-Zentrum eine Stelle für eine Jugendhilfefachkraft mit 30 Stunden finanziert werden. Als Kooperationspartner konnten wir fünf MitarbeiterInnen aus den Sozialdiensten der drei Dortmunder Psychiatrien gewinnen (Marien Hospital Dortmund-Hombruch, LWL-Klinik Dortmund, Evangelisches Krankenhaus Lütgendortmund). Sie waren und sind noch die verbindlichen Ansprechpartner für unsere Mitarbeiterin in den Kliniken; zusätzlich gab es regelmäßige Treffen aller Kooperationspartner zum Austausch über das Projekt.

Das Projekt wurde wissenschaftlich durch die Fachhochschule begleitet. Alle Beteiligten sind im Netzwerk KAP-DO aktiv.

 

„ElternSein“ ist ein niedrigschwelliges Beratungs- und Unterstützungsangebot, das sich in enger Absprache mit den Kliniksozialdiensten flexibel am Elternbedarf orientiert und als aufsuchende Elternberatung in der Klinik, in der der betroffene Elternteil auch psychiatrisch versorgt wird, konzipiert ist. Es wird von einer Fachkraft des Kinderschutz-Zentrums gemeinsam mit den Kliniksozialdiensten durchgeführt. Durch das Beratungsangebot soll der betroffene Elternteil die Möglichkeit erhalten, über seine Elternrolle zu sprechen und sich über Unterstützungsangebote zu informieren. Dadurch konnten und werden Eltern mit Unterstützungsbedarf erreicht, die aus unterschiedlichsten Gründen Hemmschwellen gegenüber der Jugendhilfe haben.

Bei der Einführung von „ElternSein“ in den Kliniken wurde sehr kleinschrittig vorgegangen. ElternSein wurde in den verschiedenen Zusammenkünften der Sozialdienste und Abteilungskonferenzen vorgestellt und diskutiert. Die Mitarbeiterin des Kinderschutz-Zentrums Dortmund hospitierte in allen Kliniken auf verschiedenen Stationen, um dort die Abläufe kennenzulernen. Es wurde sehr darauf geachtet, dass Angebotstermine, Settings und Räumlichkeiten verbindlich festgelegt sowie an den Strukturen der Klinik orientiert sind.

In Absprache mit dem Kinderschutz-Zentrum entschieden sich die Mitarbeiter/innen der Sozialdienste für unterschiedliche Settings. In zwei der Kliniken wurde ein Gruppenangebot mit einer anschließenden Sprechstunde etabliert; in der dritten Klinik wurde eine Einzelsprechstunde durchgeführt und zusätzlich bei Bedarf auch Beratungen für die Fachkräfte der Klinik angeboten. Die Gruppenangebote wurden von der Mitarbeiterin des Kinderschutz-Zentrums Dortmund gemeinsam mit einem Sozialdienstmitarbeiter/in  geleitet.

Alle Angebote finden bis heute regelmäßig einmal wöchentlich statt. Sie sind für alle Patienten/innen offen und können unverbindlich, freiwillig und anonym besucht werden. Die Eltern werden über Flyer, Plakate und über die Mitarbeiter der Klinik auf das Angebot angesprochen.

 

Zwei Jahre ElternSein in den Dortmunder Kliniken – Ein etabliertes Angebot[4]

Unser Projekt hat sich erfolgreich in den Kliniken etabliert und wird von sehr vielen Menschen in Anspruch genommen. Allein in 2014 haben 40 Sprechstunden mit 113 Eltern und 84 Gruppensitzungen mit 311 Eltern stattgefunden.

 

Die Eltern brachten folgende Themen häufig in die Beratung ein:

  • Altersgerechte Aufklärung der Kinder über die Erkrankung
  • Eigenes Erziehungsverhalten
  • Überforderung im Alltag
  • Schuldgefühle gegenüber Familienmitgliedern
  • Förderung und Unterstützung der Kinder
  • Trennung-und Scheidungsproblematik
  • Kriseninterventionen, Notfallpläne, etc.
  • Rechtliche Fragestellungen
  • Angst vor einem Sorgerechtsentzug
  • Information zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten

Immer wieder erbaten sich Eltern über diese Beratungen hinaus weitere Hilfen, wie z.B. Begleitung in schwierigen Situationen zum Jugendamt oder zur Schule. Wenn es niemanden im Familiensystem oder Umfeld gab, der dazu bereit war - die Notwendigkeit aber deutlich wurde - fanden diese Begleitungen in Abstimmung mit den Kliniksozialdiensten statt.

 

Zusätzlich wurde im Laufe der ersten Monate deutlich, dass die Anbindung eines solchen Projektes an ein Kinderschutz-Zentrum fruchtbare Synergieeffekte mit sich bringt: So fanden nach Beratung durch unsere Mitarbeiterin in der Klinik viele Eltern mit ihren Kindern den Weg ins Kinderschutz-Zentrum, um dort weitergehende therapeutische Hilfen in Anspruch zu nehmen. Die Anzahl der Fälle, in denen die psychische Erkrankung eines Elternteils eine Rolle spielt, sind dadurch nochmal angestiegen.

 

Evaluation

Eines der Ergebnisse der Evaluation zeigte, dass mit ElternSein auch diejenigen psychisch kranken Eltern erreicht wurden, die einerseits von besonders hohen Belastungen (alleinerziehend, mehrfacher Psychiatrieaufenthalt) betroffen waren, andererseits bisher aber keine Jugendhilfeleistungen in Anspruch nahmen. Der Kontakt zu diesen Eltern ist sehr bedeutsam, um Betreuungsdefizite für die Kinder zu reduzieren. Ausführliche Ergebnisse werden in der Fachzeitschrift „Sozialmagazin“, Ausgabe 5/6 veröffentlicht

 

Zur Finanzierung:

ElternSein wird bis heute finanziell von der Stiftung Help and Hope unterstützt. Fehlende Mittel werden aus weiteren Spenden für das Kinderschutz-Zentrum finanziert.

Wir und unsere Kooperationspartner in den Kliniken und im Netzwerk KAP-DO sind sehr an einer kontinuierlichen Weiterführung des Projektes interessiert, werden aber in Zukunft auf öffentliche Mittel nicht verzichten können.

 

[1] Aus der bundesdeutschen Statistik:1/3 der Sorgerechtsentzüge betreffen psychisch kranke Eltern. - Jeder fünfte akut erkrankte Patient hat minderjährige Kinder. - Etwa 60% dieser Kinder entwickeln deutliche psychische Auffälligkeiten. - 1/3 der Kinder in Kinder- und Jugendpsychiatrien haben psychisch kranke Eltern. (Lenz, A.: Kinder psychisch kranker Eltern. Hogrefe-Verlag. Göttingen 2005) (Lenz, A.: Interventionen bei Kindern psychisch kranker Eltern. Grundlagen, Diagnostik und therapeutische Maßnahmen. Hogrefe-Verlag, Göttingen 2008)

[2] Dtsch Arzteblatt 2008; 105(23): 413-8; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0413

[3] Jeweils ein Angebot für betroffene Kinder und Eltern ist bis heute daraus entstanden.

[4] Siehe auch Evaluationsergebnisse ElternSein in der Fachzeitschrift „Sozialmagazin“, Ausg. 5/6/ 2015